1. Offener Wirtschaftsstammtisch in Trittau: Der sfs im Gespräch mit – Thomas Franke

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Thomas Franke

‚Wirtschaft trifft Verwaltung‘ ist das Motto des 1. Offenen Wirtschaftsstammtisches, den der „Verein selbständiger Frauen Südholstein“ (sfs) am 27.11. im Technologiepark in Trittau organisiert. Die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde Trittau und ihres Amtsbezirkes war eines der heißdiskutierten Themen im Wahlkampf um das Amt des Bürgermeisters im Frühsommer dieses Jahres, und nach wie vor sind viele Fragestellungen ungelöst. Der sfs möchte mit dem Wirtschaftsstammtisch die Idee eines ‚runden Tisches‘ aufgreifen und Unternehmerinnen und Unternehmern der Region ein Forum bieten, um gemeinsam mit dem Bürgermeister und der Verwaltung über den ‚Roten Faden für die Zukunft‘ zu diskutieren.
Für den einleitenden Vortrag über Marketingstrategien und als Diskussionsleiter konnte für diesen ersten Abend der in Delingsdorf lebende Marketingexperte und Unternehmensberater Thomas Franke gewonnen werden, der sich vorab mit Vertreterinnen des sfs zum Interview getroffen hat:

 

Herr Franke, herzlichen Dank für das Interview! Um gleich zu beginnen: Wie schätzen Sie die Situation hier in der Region ein? Ist es „Jammern auf hohem Niveau“ oder besteht tatsächlich Handlungsbedarf?

Wir leben in einem föderalen System. Jede Region und Gemeinde steht mit den anderen im Wettbewerb um möglichst attraktive Standort- und Ansiedlungsbedingungen. Jeder Investor hat die „Qual der Wahl“ und kann unter vielen attraktiven Standorten in Deutschland auswählen. Sich im Standortmarketing zu engagieren ist also keine Frage der wirtschaftlichen Ausgangslage sondern muss eine stete Übung sein. Wie es mit den Finanzen der Gemeinde Trittau bestellt ist, vermag ich allerdings nicht zu beurteilen. Das können die Entscheider vor Ort sicher besser als ich.

Eine hohe Schuldenlast ist ja keine Spezialität Trittaus, sondern sie plagt viele Gemeinden, Landkreise und Städte – eigentlich ist „Schulden haben“ ein gesamteuropäisches Problem. Haben Sie zufällig schon die Patentformel entdeckt, mit der man dem Schuldenmachen entgehen kann?

Das gilt nicht nur für Europa. Zuletzt ist Argentinien „pleite gegangen“. Wir haben es also tatsächlich mit einer globalen Staatenkrise zu tun. Ich glaube, dass es Deutschland deswegen noch vergleichsweise „gut“ geht, weil wir viele selbständige Gemeinden haben, die die besten Lösungen vor Ort suchen und finden können. Diese Erfolgsformel aufzulösen, wie es jetzt wieder mit einer neuen Föderalismusreform diskutiert wird, ist meines Erachtens der falsche Weg.

Ein weiteres Problem von Landgemeinden wie Trittau ist zunehmend die ‚Ärzteflucht‘. Wer kann es jungen Medizinern verdenken, sich gegen eine Landarztpraxis und für die Städte wie Hamburg mit kurzen Wegen und teilweise höherem Privatpatientenanteil zu entscheiden? Eine gute medizinische Versorgung ist aber ein wichtiges Kriterium für Lebensqualität, zudem sind Arztpraxen auch Unternehmen. Gibt es Ihrer Erfahrung nach ein Marketing-Lockmittel für potenzielle Landärzte?

Ich glaube nicht, dass das Arbeiten in ländlichen Gegenden für Ärzte grundsätzlich unattraktiv ist. Vor ein paar Monaten noch ist eine gute Bekannte unserer Familie als Ärztin dem Trubel der Stadt Hamburg entflohen und arbeitet nun als Allgemeinärztin auf einer deutschen Insel. Aber wahrscheinlich sind es eher ökonomische Faktoren, die den Ausschlag geben und ländliche Gegenden eher unattraktiv für Ärzte machen.

Sie selbst leben in Delingsdorf, arbeiten aber hauptsächlich von Berlin und Brüssel aus als Deutschland-Geschäftsführer innerhalb des größten europäischen Nachrichten-Netzwerks ‚Euractiv‘, haben aber auch mit pr-unternehmensberater.de eine eigene Firma und sind ‚nebenbei‘ verheiratet und Vater von vier Kindern. Wie schafft man(n) das?

In dem ich mir das Beste aus der wirtschaftlichen Veränderung durch die Erfindung des Internets herausgeschnitten habe. Die gesamte Wirtschaft ist in einem dramatischen Wandel, alte Strukturen brechen weg, neue entstehen. Zu dem Neuen gehört, dass es in vielen Berufen eigentlich egal ist, von wo jemand arbeitet. Ich bin tatsächlich viel unterwegs, weil persönliche Treffen und Gespräche nach wie vor wichtig sind. Der Weg dorthin, die vielen Stunden die ich im Zug sitze, sind jedoch reine und sehr effiziente Arbeitszeit. Für 80 Prozent meiner Arbeit brauche ich nicht mehr an Voraussetzungen als meinen Computer, mein Telefon und eine gute Internetverbindung. Das habe ich inzwischen auch im ICE zwischen Berlin und Brüssel. Ich bin ein „digitaler Nomade“, auch wenn ich mich während meiner Arbeit nicht spektakulär im Segelboot über die Weltmeere treiben lasse, sondern ganz profan täglich zwischen Berlin und Delingsdorf pendele.

Haben Sie ein Motto?
Nein, habe ich partout nicht. Dafür bin ich, glaube ich, zu pragmatisch veranlagt. Ich versuche, mich bei den Herausforderungen des Lebens nicht von Prinzipien und starren Lebensregeln irreleiten zu lassen. Die passen dann in aller Regel doch nicht. Vielleicht ist das ja auch schon mein Motto ….

Wir vom sfs sind berühmt-berüchtigt für unsere ‚Feen‘-Frage, der sich beispielsweise auch alle Bürgermeisterkandidaten in ihren Interviews stellen mussten. Also trifft die Frage auch Sie: Eine nette Fee kommt vorbei und möchte drei Wünsche erfüllen. Was wünscht sich der PR-Fachmann und Marketingexperte Thomas Franke?
Gesundheit, weiterhin ein harmonisches Familienleben und gute und interessante Mandate. Da warte ich dann aber mal lieber nicht auf eine gute Fee sondern versuche in der Zwischenzeit alles mir Mögliche zu versuchen, um das aus eigener Kraft zu verwirklichen.

Und was sollte sich Trittau wünschen?
Den dramatischen Strukturwandel, in dem sich die Wirtschaft aktuell befindet zu erkennen und zu nutzen. Als meine Familie und ich vor rund zehn Jahren unser Haus in Delingsdorf gebaut haben, waren wir und auch unsere Nachbarn zur rechten und linken in festen Anstellungen bei großen Firmen. Typisch und normal. Heute sind wir alle selbständig tätig und sehr zufrieden mit der Situation. Das ist und wird immer typischer und normaler. Die nächste Wohnsiedlung in Trittau wird gleichzeitig ein „Gewerbezentrum“ sein. Wer das schneller als andere erkennt, und zum Beispiel eine schnelle Internetverbindung innerhalb dieser Siedlungen realisiert, hat in den nächsten Jahren „die Nase vorn“.

Zum Schluss noch eine Frage in eigener sfs-Sache: In unserem Netzwerk und Verein engagieren sich Unternehmerinnen, und wir betonen gerne und oft, dass Frauen anders selbständig sind als Männer. Aus Ihrer Sicht und mit Ihrer Erfahrung: Stimmt das? Und wenn ja – wo sehen Sie die Vorteile und was sind die Fallstricke für Frauen, die Firmen leiten oder gründen?
Frauen und Männer sind natürlich unterschiedlich. Für mich ist es auch eine große Ungerechtigkeit, wenn von Natur aus Verschiedenes auf „Biegen und Brechen“ gleich behandelt werden muss. Gerade in der Kommunikations- und Medienbranche sind Frauen überaus erfolgreich, weil ihre kommunikative und kreative Art hier besonders von Vorteil ist. Ob es besondere Fallstricke für Unternehmerinnen gibt, kann ich ihnen nicht sagen. Ich glaube fest daran, dass sich der Erfolg zwangsläufig einstellt, wenn der Markt ihr Produkt oder ihre Services annimmt und Unternehmer ihre Geschäfte finanziell solide durchplanen. Eine gute Idee ist geschlechtsneutral.

Wir danken für das Gespräch, Herr Franke!
SG

 

Der 1. Offene Wirtschaftsstammtisch Trittau findet am Donnerstag, dem 27.11. 2014, ab 19.00 Uhr im Technologiepark statt, Einlass ist ab 18.30 Uhr. Eingeladen sind alle Unternehmerinnen und Unternehmer des Amtes Trittau. Um vorherige Anmeldung wird gebeten.

Diskutieren Sie mit und melden Sie sich für den 27.11. an auf unserer Seite:
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