„Da röhrt der Hirsch!“ Die schwierige Kommunikation zwischen Männern und Frauen

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GenderLiebe Netzwerkerinnen, liebe Leserinnen und Leser,

wer in ferne Länder reist, ist darauf eingestellt, dass ihm vielerorts auch das gepflegteste Duden-Deutsch nicht weiterhilft, sondern nur Englisch oder die jeweilige Landessprache. Wer einen chinesischen Gast zum Essen einlädt, wird nicht übermäßig erstaunt sein, wenn der seine Essstäbchen auspackt und Tischmanieren an den Tag legt, die hierzulande schlicht als Unsitte gelten (umgekehrt ist das übrigens genauso). Das Kichern und Lustigmachen verkneifen wir uns aber trotzdem.

Kurzum: Viele hundert Jahre Aufklärung und humanistische Bildung haben uns beigebracht, „Anderssein“ zu tolerieren und zu akzeptieren, oft empfinden wir es sogar als spannend und inspirierend. Wir müssen heute nicht mehr jedem, der unserer eigenen Kultur „fremd“ erscheint, einen Knüppel auf den Kopf hauen, um uns zu verteidigen. Das war Steinzeit, darüber sind wir weit hinaus.
Sind wir?

Beim Zusammentreffen männlicher und weiblicher Kulturen sieht das tolerante und rosige Bild unserer aufgeklärten und kosmopolitischen Lebensweise nämlich ganz anders aus. Männer sind vom Mars und Frauen von der Venus – und dazwischen liegt viel Raum für Missverständnisse und Streitereien. Doch mit dem Wissen, was die „andere Seite“ bewegt und wie sie „tickt“, kann der interplanetare Dialog der Geschlechter sowohl im Geschäftsleben wie auch im Privaten trotz aller Widrigkeiten gelingen. Das behauptet zumindest unser Experte Markus Graw, langjähriger und international tätiger Manager eines großen Ölkonzerns in seinem spannenden und gut besuchten sfs-Vortrag „Gender Speak“.

 

Von zielorientierten Hirschen und ihren prozessorientierten Damen

Vor rund 200.000 Jahren war es noch nicht abzusehen, dass sich Männchen und Weibchen der Gattung Homo sapiens nicht nur HirschFeuerstelle und Höhle, sondern auch – aus evolutionärer Sicht: kurze Zeit später – Chefetagen und Haushalt teilen würden. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Zwischenmenschliches selbst heute noch den gleichen archaischen Grundprinzipien folgt, die auch in der übrigen Tierwelt gelten Für ein bisschen Know-how und gute Manieren müssen wir Menschen schon selber sorgen, egal welchem Geschlecht wir angehören.

Die Regeln des männlichen und weiblichen Zusammenlebens basieren auf biologischen Notwendigkeiten, die von der Evolution „erfunden“ wurden, um die Überlebensfähigkeit der eigenen Art zu sichern, wie Markus Graw erläutert. Ein Hirsch sei beispielsweise nur dann ein erfolgreicher Hirsch, so Graw, wenn er sein Ziel – Erhaltung und Verbreitung der Art – durchsetzen kann. Damit ist er als ganzer Hirsch-Kerl klar definiert: Er muss groß und stark werden, sich ein ordentliches Geweih zulegen, Mitbewerber aus dem Feld stechen und damit die Gunst der Damenwelt erobern.

Hat er das erreicht, kann er gehen und sich neuen Aufgaben und Zielen zuwenden. Als Rüstzeug zur Zielerfüllung seines Hirschlebens braucht er:

Hierarchie – Konkurrenzorientierung – Zielorientierung – linearer Fokus.

Gender Speak Folie1Welche Frau rollt – zumindest innerlich – nicht mit den Augen, wenn sich zwei Männer kennenlernen und erst einmal alles Wesentliche abklopfen: berufliche Position, wie viele Sekretärinnen, welche Automarke, wie viel PS? Mein Haus, mein Auto, mein Pferd. Kräftemessen geht auch ohne Geweih!

Das biologische Programm von Frauen sieht dagegen völlig anders aus, denn zu dem Zeitpunkt, an dem der Hirsch sein Ziel erreicht hat und „Mission accomplished“ röhren könnte (wenn er es denn könnte), fängt für die Hirschkuh die Arbeit erst an.
Jede (und jeder), der sich mit Kindererziehung schon einmal näher befasst hat, weiß, dass die Mission „Nachwuchs großziehen“ nicht per Zielorientierung, sondern nur als Prozess inklusive ständiger Anpassungsbereitschaft an veränderte Rahmenbedingungen (Schule fällt aus, Kind hat Schnupfen oder Windpocken, Kindergarten streikt) machbar ist. Eine vereinzelte Mutter steht allein mit ihrem Kind auf ziemlich verlorenen Posten, deswegen ist die Bereitschaft von Frauen, sich in einer Gruppe zu integrieren, viel größer als bei Männern. Typisch weiblich sind daher:

Flache Strukturen – Harmonieorientierung – Prozessorientierung – Multifokus

Hierarchische Strukturen bei Frauen? Fehlanzeige, das widerspricht der Gruppenanpassung. Und so wird kein Mann jemals nachvollziehen können, warum eine Frau ihr todschickes und sündhaft teures neues Kleid vor ihren bewundernden Freundinnen als „das ist doch schon ganz alt“ herabwürdigt, streng nach der weiblichen Devise: bloß nicht anecken und bloß keine Hierarchien aufbauen! Frauen verstehen diese Art der Kommunikation in der Regel richtig, Männer nehmen sie für bare Münze. Das heißt, sie halten das Kleid tatsächlich für alt. Wenn es hart auf hart kommt, lässt „er“ vielleicht sogar noch eine launige Bemerkung über den „alten Fetzen“ vom Stapel, und schon ist der Ärger richtig vorprogrammiert.

 

Umdefinieren! Der einzige Weg aus der Kommunikationskrise

Gender Speak Folie2Unsere jahrtausendealte männliche bzw. weibliche Programmierung beeinflusst unsere Sprache und unser Verhalten. Das mag in der Welt der Hirsche und ihrer Kühe in Ordnung gehen, in unserer modernen (Arbeits-)Welt verursacht es viele Reibungspunkte, wenn man die Hintergründe nicht kennt und/oder nicht mit ihnen umgehen kann, so Markus Graw.

In seiner Zeit als Konzern-Manager sei beispielsweise aufgefallen, dass Bewerberinnen in den firmeneigenen Assessment-Centern über einen längeren Zeitraum reihenweise durchfielen. Warum? Markus Graw: „Die Frauen warteten in den Gruppendiskussionen immer darauf, bis sie dran sind. Das waren sie eigentlich nie, denn es waren immer genügend kommunikationsstarke Männer da, die sich das Wort erkämpft haben. Und so hatten die Bewerberinnen am Ende so gut wie nichts gesagt und konnten sich dadurch auch nicht positiv präsentieren.“ Basierend auf dieser Beobachtung änderte seine Firma schließlich das Verfahren und führte feste Redezeiten für alle ein.

Männer können sehr viel reden, wenn es darauf ankommt – Frauen fassen sich oft viel kürzer, als man(n) glaubt. Beim Meeting hat der Mann, der am längsten spricht, zumindest in der Männerwelt gewonnen; der Tonfall ist oft deklamatorisch, und für Männer-Scherze sollten sich Frauen warm anziehen. Erfolge gebühren selbstverständlich dem jeweiligen Mann, Misserfolge den anderen. Männer, die ihrem Selbstbild nach keine „Gewinner-Typen“ sind, werden oft zu „Maulern“, so Markus Graw, die dann klassischerweise die „Schuld“ an ihrem Scheitern bei anderen suchen.

Frauen agieren anders, haben aber auch ihre Tücken. Eines ihrer größten Handicaps im Berufsleben ist, dass sie sich Misserfolge eher selbst zuschreiben, während die Gründe für eigene Erfolge bei anderen vermutet werden; eine Einstellung, die der der Männer diametral entgegen steht.
Der weibliche Fokus liegt generell stärker auf Einbeziehen und weniger auf Gewinnen, so Graw. Im Geschäftsleben wird mehr auf Kreativität und Führung und weniger auf klare Befehle und Kontrolle gesetzt. Das ist gut bei komplexen Entscheidungen, und schlecht, wenn’s brennt, und schnell überlebenswichtige Maßnahmen getroffen werden müssen. Frauen können Männer aber auch gehörig auf’s Glatteisen führen: Glaubt ein Mann bei einer nickenden und lächelnden Frau beispielsweise an Zustimmung, so heißt das tatsächlich nur: „Ich höre Dir zu, bin aber nicht unbedingt Deiner Meinung“.

Folie1Viele Firmen – auch deutsche – haben mittlerweile das Problem, aber auch die Chancen, die in den Unterschieden der Geschlechterrollen stecken, für sich entdeckt, erläutert Markus Graw, der unter anderem weltweit viele Projekte für einen besseren Austausch von Kulturen auf Führungsebene geleitet hat. „Es geht nicht um ‚richtig‘ oder ‚falsch‘“, so der Manager, „sondern es geht darum, die Unterschiede zu erkennen, und das Potenzial, das darin steckt, zu nutzen. Weibliche Qualitäten werden für Firmen immer wichtiger. Unser Leben ist schneller, flexibler und kreativer geworden, das Internet hat für einen immensen Abbau von Hierarchien gesorgt, und Unternehmen brauchen einfach die „Diversity“ weiblichen Denkens, um mit den Herausforderungen der Zukunft besser umgehen zu können“, so Graw.

Es habe sich in den letzten Jahren viel bewegt, erläutert er weiter, und selbstverständlich gäbe es auch die „zielorientierte“ Frau und den „prozessorientierten“ Mann; in der Regel trage jeder Mensch männliche und weibliche Eigenschaften in unterschiedlicher Ausprägung in sich.

Aber oft genug knirscht es sowohl im Privaten wie im Geschäftsleben noch gehörig. Wer versteht, warum das so ist, hat schon viel gewonnen. Und für diejenigen, die auf dieser Ebene mehr erreichen möchten, schlägt er vier aufeinander abgestufte Lösungsansätze vor:

Gender Speak Folie31) Umdefinieren: Beobachten aber nicht beurteilen
Nichts ist spannender, als Neues kennen zu lernen! Unserem chinesischen Gast sehen wir vermutlich sogar interessiert zu, wie er mit seinen Essstäbchen hantiert oder seine Suppe schlürft. Will er uns damit etwas Böses tun? Bestimmt nicht! Warum unterstellen wir das dann unserem Mann/Chef/Kunden/Kollegen, der uns immer wieder ins Wort fällt und unterbricht?
2) Sich anpassen, aber kreativ
Wer nach England reist, wird wahrscheinlich mehr und nettere Kontakte haben, wenn er Englisch spricht. Deswegen verlernt man auch nicht sofort seine Muttersprache.
3) Sich erklären (Kopf, Gefühle, Werte)
Für die „andere Seite“ sind auch wir kein aufgeschlagenes Buch und benehmen uns in deren Augen gelegentlich seltsam. Besser ist es, auch mal für uns Selbstverständliches zu erklären, möglicherweise sind wir nämlich gar nicht so klar, wie wir glauben.
4) Durchsprechen und analysieren
Die „hohe Schule“ für alle, die die Punkte eins bis drei schon erfolgreich abgehandelt haben. Einen völligen Gleichklang wird es nie geben. Soll es aber auch gar nicht, denn „Diversity“ und kreative Spannung machen ja auch durchaus Spaß …

 

Männer sind eben anders. Frauen auch.

 

Viel Erfolg bei Eurer nächsten interplanetaren Kommunikation wünschen Euch
Die Selbständigen Frauen Südholstein

Mehr über unseren Referenten Markus Graw:
http://www.conlab.de/conlab-management-consultants.html#nordost

Literaturtipps zum Thema:

Das Arroganz-Prinzip: So haben Frauen mehr Erfolg im Beruf, Peter Modler
http://www.amazon.de/Das-Arroganz-Prinzip-haben-Frauen-Erfolg/dp/3596184339/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1433493589&sr=1-1&keywords=peter+modler+das+arroganzprinzip

Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken: Ganz natürliche Erklärungen für eigentlich unerklärliche Schwäche, Allan und Barbara Pease
http://www.amazon.de/M%C3%A4nner-zuh%C3%B6ren-Frauen-schlecht-einparken/dp/3548373305/ref=pd_sim_14_4?ie=UTF8&refRID=1JA7B704M12PHN443T8B

Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus: Tausend und ein kleiner Unterschied zwischen den Geschlechtern, Chris Evatt
http://www.amazon.de/M%C3%A4nner-sind-Mars-Frauen-Venus/dp/3492261299/ref=pd_sim_14_2?ie=UTF8&refRID=0220NNE7MEMNE8H0A0FB

Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen, Loriot
http://www.amazon.de/M%C3%A4nner-Frauen-passen-einfach-zusammen/dp/3257021011/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1433480973&sr=1-1&keywords=frauen+und+m%C3%A4nner

Copyright:
Verein selbständige Frauen Südholstein, sfs, 2015
Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert

Bildnachweis:
Cornelia Hansen, Fotografin in Ahrensburg
Markus Graw
Pixabay,com