Mein Unternehmen: Böse sein für Anfängerinnen

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Frauen sind anders selbständig als Männer. Laut Statistik geht es bei Gründerinnen nach dem Start viel langsamer voran als bei ihren männlichen Kollegen, dafür überleben die ersten und entscheidenden fünf Jahre mehr weibliche als männliche Gründungen, wenn auch in der Regel eher kleiner und eher bescheidener als bei Männern. Frauen agieren in ihren Unternehmungen in der Regel vorsichtiger, daher sind eine ‚Billie Gates‘ oder eine ‚Marcella Zuckerberg‘ unter uns bislang (noch) nicht bekannt; gleichzeitig liefern wir aber auch keine Typen wie Klaus Middelhoff, an dessen Stelle sich frau (die meisten Männer übrigens auch) vor Scham wahrscheinlich freiwillig ins nächstbeste dunkle Loch verkriechen würde.

Soweit so gut. Wir gehören also weder zu denen, deren Unternehmen ein Jahrzehnt nach Gründung millionen- oder gar milliardenschwer an der Börse gehandelt werden, noch finden sich unter uns großsprecherischen Wirtschaftsdilettanten, die’s dann irgendwann doch erwischt – es muss ja nicht immer gleich Knast sein, eine krachende Insolvenz kann einem das Leben auch ganz schön schwer machen.
Leider – und das ist jetzt die Kehrseite der Medaille und der Finger in der Wunde – gehören wir aber auch oft zu denen, die sich nicht wirklich trauen. Die, die trotz Schufterei am Ende nicht viel mehr als Lob und Anerkennung auf ihrem Konto haben. Wenn sich eine Werbetexterin (nicht bei uns!) damit anpreist, für weniger als fünf Euro die Stunde zu arbeiten, darf schon die Frage gestellt werden: Haben wir das wirklich verdient?

Die Antwort lautet – Sie dachten es sich schon, denn Sie sind auf der Webseite der ‚Selbständigen Frauen Südholstein‘ – Nein! Denn an Fleiß, Know-how, Kreativität und Organisationstalent haben Unternehmerinnen und weibliche Führungskräfte keinesfalls weniger als ihre männlichen Kollegen zu bieten. Allerdings hapert es oft am Selbst-Vertrauen und dem Willen, beispielsweise eigene Preisvorstellungen gegen Widerstände auch mal durchzuboxen. Oder zur Not einen Kunden oder Auftraggeber auch mal sausen zu lassen. Wir sind manchmal leider einfach zu nett.

„Achten Sie auch darauf, dass Sie nicht, wie früher ich, nur aus Liebe und Leidenschaft arbeiten und darüber die nackten Zahlen aus den Augen verlieren. Eine gute Selbstständigkeit braucht beides: Die Begeisterung und den Rechenschieber“, schreibt die Autorin und Trainerin Heike Thormann beispielsweise in ihrem sehr lesenswerten Beitrag „35 Fehler in der Selbstständigkeit“. Und fährt fort: „Eine Zeitlang habe ich als junge Selbstständige jeden Auftrag angenommen, Hauptsache, es kam Geld rein. Doch es hat mich viel Zeit gekostet, mich in jeden einzelnen Fall einzuarbeiten. Zeit, die unbezahlt blieb und die ich besser in die Vermarktung einiger weniger Angebote gesteckt hätte. Legen Sie am besten für sich selbst fest, was Sie anbieten und was Sie nicht anbieten, und sagen Sie dann nein zu allem, was Sie nicht machen. Ggf. können Sie es an Partner aus Ihrem Netzwerk weitergeben.“

Oberstes Gebot ist und bleibt aber von Anfang an die Preisgestaltung. Die Verlockung, mit möglichst günstigen Angeboten möglichst viele Kunden oder Auftraggeber zu akquirieren, ist besonders in den ersten Jahren nach der Geschäftsgründung groß. Aber: Vorsicht! Damit geraten Selbständige häufig in eine Falle, aus der sie später nicht so leicht wieder herauskommen. Heike Thormann zum Thema Preisgestaltung: „Ich weiß, das ist ein zweischneidiges Schwert. Man will keine Aufträge verlieren, keine Kunden vergrätzen und manchmal ist man einfach froh, wenn überhaupt Geld rein kommt. Doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich damit nur Raubbau an mir selbst betreibe und teils auch die “falschen” Kunden anziehe. Also reine Schnäppchenjäger oder Leute mit einer schlechten Zahlungsmoral und Zahlungsproblemen. Damit stehe ich auch nicht allein, anderen Selbstständigen, die ich kenne, geht es genauso. Informieren Sie sich über Marktwert und Preise, kalkulieren Sie dann so, dass Sie einen guten Schnitt machen und kommunizieren Sie das auch angemessen.

Extra-Tipp: Achten Sie darauf, dass Sie auch nicht aus Liebe, Begeisterung, Mitgefühl oder falscher Identifikation mit den Projekten eines anderen zu billig arbeiten. Das ist ein Fehler, den ich früher gern gemacht habe und vor dem ich mich immer noch hüten muss. Wenn Sie sich “sozial engagieren” wollen, dann macht es eher Sinn, entsprechende Angebote zu schnüren und diese durch den Normalpreis gegenfinanzieren zu lassen.“

Kurzum: Besonders Unternehmerinnen sollten darauf achten, dass sie nicht nur „Ja“ sagen, sondern aus rationalen Überlegungen heraus gelegentlich auch „Nein“. Wer immer nur nett ist und vieles aus Gefälligkeit oder dem Wunsch nach Anerkennung und Lob ‚so nebenbei‘ miterledigt, wird langfristig eher im Burnout als auf dem grünen Zweig landen. Es gilt, Energieräuber dingfest zu machen und soweit wie möglich abzustellen. Sich auf’s Wesentliche zu konzentrieren, und lieber einen Billigheimer laufen zu lassen und die gewonnene Zeit ins eigene Marketing, neue Projekte oder einfach ins ‚Füße-Hochlegen‘ (der kreativsten Zeit überhaupt!) zu investieren. Denn am Ende geht es uns nicht nur darum, als ‚netter Mensch‘ wahrgenommen zu werden, sondern eben auch als ‚erfolgreiche Unternehmerin‘. Und dafür braucht es ab und an auch mal ein ‚böses‘ Nein.
SG

Den vollständigen Beitrag von Heike Thormann: „35 Fehler in der Selbständigkeit“ finden Sie hier:
http://www.kreativesdenken.com/artikel/selbststaendigkeit-fehler.html

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