Regionalmarketing – Positiv und Konkret

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Nachlese zum 1. Offenen Wirtschaftsstammtisch in Trittau am 27.11. 2014

„ Wir reden uns einfach warm“ begrüßte der Trittauer Bürgermeisters Oliver Mesch die rund 40 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft und Verwaltung, die am vergangenen Donnerstag am 1. Offenen Wirtschaftsstammtisch teilgenommen haben. Kühl war’s tatsächlich im Artrium des Technologieparks, und es ist zu vermuten, dass der eine oder andere Schnupfen in dieser Woche hier seinen Ursprung hat. Neben „kalt“ bleibt aber auch ein inhaltsreicher und spannender Abend in Erinnerung, der den ‚Roten Faden für die Zukunft‘ Trittaus sehr zielorientiert aufgenommen und weitergesponnen hat. Eine Fortsetzung wird folgen.

Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen
Bürgermeister Oliver Mesch und sfs-Vorsitzende Helgrid SassnerDie Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen öffnet sich. So schlecht stehe Trittau zwar nicht da, betonte Bürgermeister Oliver Mesch in seiner Begrüßungsrede zum 1. Offenen Wirtschaftsstammtisch,, aber es bestehe Handlungsbedarf: „Wir müssen attraktiv bleiben, damit auch in Zukunft Standortentscheidungen für Trittau getroffen werden. Aber Gemeinden sind demokratische Gebilde und manchmal münden Ideen in Entscheidungen, die Sie vorher gar nicht im Kopf hatten.“
Es seien nicht viele Stellschrauben, an der eine demokratisch gewählte und organisierte Gemeindeverwaltung drehen könne, um ihre Zukunftsperspektive zu verbessern, so Mesch.

Die Fakten sind bekannt: Bei einem Gesamtvolumen des Haushaltes von 21 Millionen Euro drückt Trittau eine Schuldenlast von 7,3 Millionen, das sind 880 Euro pro Kopf für jeden Einwohner und jede Einwohnerin, vom Baby bis zum Rentner. Als Unterzentrum hat Trittau einerseits vorgegebene Infrastrukturen für sein Umland bereit zu stellen. Die kosten, sind manchmal schlecht planbar und werden mit der Zeit teurer. Auf der anderen Seite stehen Einnahmen, die teilweise stagnieren, teilweise aber ebenfalls nicht gut vorhersehbar sind: Schlüsselzuweisungen des Landes (14% des Haushaltes), Grundsteuer (18%), Einkommensteuer (34%) und schließlich die Gewerbesteuer, die mit einem Anteil von 43% bei den Einnahmen der entscheidende Motor für die Entwicklung der Gemeinde sei, führte Bürgermeister Mesch aus.
Dieser Motor müsse gestärkt werden. Und obwohl der finanzielle Rahmen eng sei, so gelte doch: „Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.“ (Antoine de Saint-Exupery)

Glückliches Schleswig-Holstein, reiches Stormarn – armes Trittau?
Gemäß einer aktuellen Umfrage sind die Schleswig-Holsteiner die glücklichsten Deutschen. Und laut Statistik ist Stormarn dasPR-Berater Thomas Franke und sfs-Initiatorin Angela Waßmann „Schatzkästchen Norddeutschlands“, betonte Marketingfachmann und Referent des Wirtschaftsstammtisches Thomas Franke zu Beginn seines Vortrages „Regionalmarketing – Positiv und Konkret“. Nördlich des Weißwurstäquators gäbe es keinen Landkreis, der so reich sei wie Stormarn, so Franke, und immerhin hätten 18 der 55 Kreise und Kommunen ein großes Ziel erreicht: Sie sind schuldenfrei.

Und dann gießt er Wasser in den Wein: „In Stormarn leben sehr, sehr reiche Menschen – und es gibt sehr arme Gemeinden.“ Lasbek, Reinbek und eben auch Trittau müssen wie viele andere auf Pump leben, die Gründe dafür sind unterschiedlich, angenehm ist die Schuldenlast nicht.

Armes Trittau? Gegen diese Art von ‚Krisen-PR‘ könne man sehr erfolgreich – und kostengünstig – arbeiten, wie Franke an einem berühmten Beispiel zeigt:
„I love New York“ ist eine Kampagne, die in den 1970er Jahre entstanden ist, als die Metropole in Gewalt, Kriminalität und wirtschaftlichem Chaos zu versinken drohte. Ein Grafiker hatte damals das Logo, das heute millionenfach und weltweit Tassen und T-Shirts ziert, kostenlos für seine Stadt entworfen. Mittlerweile ist es zum berühmtesten Werbespruch der Welt geworden und gleichzeitig zum Sinnbild für eine Stadt, die es von „ganz unten“ nach „ganz oben“ geschafft hat.

i-love-ny-308460_1280Diese Kampagne wurde in den vergangenen Jahren oft kopiert und imitiert, und fast jede Kommune hat sich mittlerweile für ihr PR einen vermeintlich passenden Slogan zugelegt, von „Munich loves you“ bis „Paderbooooahn! Gemeinsam. Stark. Die Stadt mit Zukunft!“

Und genau hier liegen die Fallstricke, wie PR-Fachmann Franke betont. Denn diese Kampagnen wurden zwar für teures Geld entwickelt und eingekauft – aber sie wirken nicht. Thomas Franke nennt sie „phänotypisch“, weil sie ohne Spezifizierung auf den jeweiligen Standort entstanden sind und daher weder echte Botschaft und noch ein glaubhaftes Bild transportierten. Slogans vom Reißbrett sind austauschbar, ob man nun Paderborn einsetzt oder den Namen einer beliebigen anderen Stadt.

Nicht nur bei Slogans sondern auch bei der Beschreibung eines Standortes werden häufig wohlklingende aber inhaltsleere Trittau_Regionalmarketing-1Worthülsen statt spezifizierter und klarer Aussagen verwendet, „typische Sprüche aus Werbebroschüren“, wie Marketingexperte Franke sagt. „Alle werben damit, wie zentral sie liegen und wie gut sie ausgestattet sind. So entsteht kein Image.“

Der „Unique Selling Point“, die Einzigartigkeit eines Standortes, müsse im Regionalmarketing für Interessenten genauso klar ersichtlich sein, wie für Kunden bei Anbietern im ‚normalen‘ Wirtschaftsleben. „Nur damit zu werben, in der Mitte von Irgendwas zu liegen, reicht nicht aus“ betont Franke und legt als Beispiele einen inhaltsleeren und einen gehaltvollen Werbetext für ein und denselben (frei erfundenen) „Technologiepark München“ vor.

 

 

Schnelles Internet und eine Revolution
Trittau_Regionalmarketing-2„Die gesamte Wirtschaft ist in einem dramatischen Wandel, alte Strukturen brechen weg, neue entstehen. Zu dem Neuen gehört, dass es in vielen Berufen eigentlich egal ist, von wo jemand arbeitet. Es ist notwendig, den dramatischen Strukturwandel, in dem sich die Wirtschaft aktuell befindet zu erkennen und zu nutzen“, so Thomas Franke.
Wir befinden uns inmitten einer Revolution, so der PR-Fachmann, die ähnlich wie die Erfindung des Buchdruckes im 15. Jahrhundert das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben verändern werde. Und genau hier lägen die Chancen Trittaus mit seiner Lage in der Nähe von Hamburg einerseits, und seiner Attraktivität als Wohn- aber auch Arbeitsort andererseits: „Die nächste Wohnsiedlung in Trittau wird gleichzeitig ein „Gewerbezentrum“ sein. Wer das schneller als andere erkennt, und zum Beispiel eine schnelle Internetverbindung innerhalb dieser Siedlungen realisiert, hat in den nächsten Jahren „die Nase vorn“, so Franke.

Trittau_Regionalmarketing-3Dem stimmt Bürgermeister Oliver Mesch voll und ganz zu, eine starke Breitbandanbindung für Trittau sei dringend notwendig. Nur – hier trifft Wunsch auf Wirklichkeit: „Wir sind seit einiger Zeit in Verhandlungen mit den Versorgern. Vor allem die Deutsche Telekom ist mühsam. Wir haben jetzt ein Angebot der „Vereinigten Stadtwerke“ vorliegen, ein Glasfasernetz 2016 in den Ort zu bekommen und wären damit einer der wenigen Gemeinden Deutschlands mit Glasfasertechnologie. 2016 ist mir aber eigentlich zu spät“, so Mesch.

Quo vadis, Trittau?
„Wie zufrieden ist die Industrie? Gibt es Probleme? Wie sieht im Moment die Stimmung der Wirtschaftsunternehmen in Trittau aus und wo wollen wir hin?“ lauten die Fragen aus dem Publikum im Anschluss an Thomas Frankes Vortrag. Fest steht, dass sich seit den 1970er Jahren mit Ortsemblem, Ortseingangsschildern, Slogan und Trittau-Film schon einiges getan hat, zum Teil gegen den Widerstand der Gemeinde, wie der ehemalige GGT-Vorsitzende betont. Einerseits würden Unternehmer von der Verwaltung mit Rat und Tat hervorragend unterstützt, andererseits fehle oft auch eine zentrale Anlaufstelle für Auskünfte oder Entscheidungen.

„Die Tür der Gemeinde ist immer offen, aber es sind noch Hausaufgaben zu machen“, so der Bürgermeister, „Und ich bitte zu berücksichtigen, dass ich gerade einmal 100 Tage im Amt bin. Marketing ist wichtig, aber ein gemeinsames Konzept gibt es (noch) nicht.“
„Die besten Ideen sind geschlechtsneutral und kosten nichts“, kontert Thomas Franke. Oft seien es Kleinigkeiten, die den Trittau_Regionalmarketing-4Unterschied ausmachten, so der Marketingexperte: Recherchiere man beispielsweise im Internet das Stichwort „Trittau“, werden zuerst alle Autounfälle der vergangenen Zeit statt der offiziellen Internetseite des Amtes angezeigt. Nicht unbedingt ein Aushängeschild für jemanden, der ein neues Zuhause oder einen neuen Standort für sein Gewerbe sucht.
Und manchmal müssten Entscheidungen auch einfach per Dekret durchgeboxt werden: Als Beispiel nennt Franke das Motto seiner Heimatgemeinde Delingsdorf, die sich seit 2011 als generationenfreundliche Gemeinde präsentiert. Die Kampagne beruht auf der Idee des Delingsdorfer Bürgermeisters, der sie immer wieder und in kleinen Schritten bewirbt, und mittlerweile sehr positive Resonanz dafür erntet.. „So entsteht Image!“
SG

 

Eine erste Projektgruppe zur Vorbereitung des nächsten Wirtschaftsstammtisches trifft sich am Mittwoch, dem 28. Januar 2015 ab 19.00 Uhr im Restaurant „Woodpecker“. Interessierte sind herzlich eingeladen!

Der nächste Offene Wirtschaftsstammtisch Trittau findet am Donnerstag, dem 23.April 2015 statt, Vorankündigungen entnehmen Sie bitte der Presse oder unseren Meldungen auf der sfs-Homepage:
http://sfs-netzwerk.de/

Bildnachweise:
Illa Graw
pixabay.com. i-love-ny-text-herz-new-york-308460
Thomas Franke, pr-unternehmensberatung.de

Copyright:
Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert, 2014
Verein selbständige Frauen Südholstein, sfs