Der sfs im Gespräch mit – Julian Geisler

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Trittau, im März 2014

Nun also doch – statt wie bislang erwartet vier, werden sich am 25. Mai 2014 voraussichtlich sechs Kandidaten zur Wahl für das Amt des Trittauer Bürgermeisters stellen. Gut vier Wochen vor dem Termin, am Samstag dem 12. April, richtet der „Verein selbständiger Frauen Südholstein“ (sfs) im Technologiepark eine öffentliche Podiumsdiskussion mit den Bewerbern und der Bewerberin aus. Als Vorbereitung der „Trittauer Elefantenrunde“ bittet der sfs alle Kandidaten zum Gespräch: Nach Thomas Mertens Ammermann beantwortet der 29jährige parteilose Bürgermeisterkandidat Julian Geisler unsere Interviewfragen.

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Julian Geisler

Als Vater einer zehn Monate alten Tochter habe er den „wichtigsten Job der Welt“, betont Julian Geisler. Für ihn und seine Frau sei das Elterndasein manchmal eine echte Herausforderung, aber letztlich sei das auch eines der wenigen Dinge, auf die es wirklich ankomme, so Geisler. Umso verständlicher sein Ärger und seine Besorgnis darüber, das Frau und Kind nach einem Einbruch in ihrem Haus in Lütjensee eine Dreiviertel Stunde lang alleine blieben und auf das Eintreffen der Polizei warten mussten. So etwas lässt sich ein Mann wie Julian Geisler nicht gefallen: Nach ergebnisloser Rücksprache bei der Polizei, gründete er eine „Bürgerwehr“ – nicht, damit zukünftig freiwillige Sherifs durch Trittau  patrouillieren, wie er betont, sondern um bei den Bürgern gegenseitige Aufmerksamkeit und Achtsamkeit zu fördern.

 

Kein Zweifel, Julian Geisler ist zwar jung, wirkt aber selbstbewusst und entschlossen. Er polarisiert mit seinen Ideen und Aktionen, erntet viel Zuspruch aber auch kräftigen Widerspruch. Der gebürtige Trittauer sieht in seiner Heimatgemeinde vieles im Argen und will vieles ganz anders machen. Wie das funktionieren soll, erklärt er uns im Interview.

 

Alt denkt alt und Jung denkt modern

Planungsfehler sind dem jungen Familienvater ein Gräuel, dafür hat er seinen Beruf als „Prozess-optimierer“ wohl einfach zu sehr verinnerlicht – hauptberuflich bei der Firma „Dichtungstechnik G. Bruss“ in Hoisdorf, aber auch zu Hause ist die Anzahl von Windelpackungen und Limokästen optimiert. Und was macht ein Prozessoptimierer? Dafür ist „Lean Production“, also wörtlich übersetzt: „Schlanke Produktion“, das Zauberwort – Produktion ohne Verschwendung wertvoller Ressourcen, kein „aufs Geratewohl“ Wirtschaften, keine Überbestände, die möglicherweise erst teuer eingekauft werden, um sie später ungenutzt zu entsorgen. „Es macht einen Unterschied, ob Sie nach Ablauf des Verfallsdatums 300 Kilogramm Kautschuk wegwerfen müssen oder nur zehn Kilo“, erklärt Geisler. Und gibt gleich noch einen Tipp: „Angenommen,  ich habe zu Hause vier Limokästen stehen, dann hefte ich mir zur Erinnerung an Kasten Nummer Drei eine sogenannte „Kanban-Karte“. Ist Kasten Nummer Drei leer, erinnert mich die Karte daran, drei neue Kästen zu kaufen. Auf diese einfache Art und Weise habe ich immer genau vier Limokästen im Haus, es gibt keine Über- aber auch keine Fehlbestände“. So simpel und effektiv kann also nachhaltiges Wirtschaften sein.

 

„Nachhaltigkeit“ ist einer der Lieblingsbegriffe Geislers, und die vermisst er in Trittau seit geraumer Zeit. „Früher war Trittau ein schöner Ort mit einem schönen Zentrum“, sagt er, „ und heute ist es in vielen Bereichen am Ende“. Für Geisler gibt es zu viele unsinnige Baumaßnahmen – Planungsfehler – und zu wenig tatsächlichen Fortschritt für die Einwohner Trittaus. Es gäbe zu viele und zu teure Verkehrskreisel, zu viel „Lidl“ im Ortskern, aber zu wenig Orientierung an den wirklichen Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger.

Woran das liegt? Seiner Meinung nach an „Leuten, die selbst nicht betroffen sind und schon zu lange zusammenarbeiten. Und fügt hinzu: „ Alt denkt alt und Jung denkt modern – in der Politik entscheiden Leute für die Jungen, die selbst nichts beeinflussen können“. Das will Julian Geisler ändern.

 

Es ändert sich ja doch nichts?

Politik, insbesondere Kommunalpolitik, hat ihn schon immer interessiert. Er hat die „Junge Union“ in Trittau  mit gegründet, ist aber vor zehn Jahren ausgetreten – für ihn gäbe es keine Partei, die wirklich passt, sagt Geisler. Mit 17 hat er ein Fußball Turnier mit anschließender Disco im Schulzentrum organisiert; einzige Marketingmaßnahme für seine Veranstaltung waren zwei handgemalte Plakate, die aber immerhin 700 Besucher anlockten.  Die „Trittauer Verhältnisse“ kennt er von Kindesbeinen an, und über die Jahre ist vieles zusammen gekommen, was ihn stört. Nicht nur ihn: „Viele haben ähnlich wie ich gedacht, aber keiner hat ernst gemacht. Ich mache aber ernst“, begründet er seine Kandidatur.

 

Als parteiloser Kandidat braucht er 95 Unterschriften von Wahlberechtigten, um überhaupt antreten zu dürfen. Viel Lob habe es ihm eingebracht, dass er sich nicht einfach vor einen Supermarkt gestellt, Rosen verschenkt und um Unterstützer-Unterschriften gebeten hat. Geisler zieht stattdessen von Haustür zu Haustür und redet viel und lang mit potenziellen Unterstützern, bevor er sie um ihre Unterschrift bittet. Erschreckend findet er, dass viele seiner Gesprächspartner zwar lange Beschwerdekataloge vorbringen, aber mit der Begründung „es ändert sich ja doch nichts“ nicht wählen wollen. Noch erschreckender sei, wenn die anstehende Bürgermeisterwahl gar nicht bekannt ist.

 

„Es ändert sich ja doch nichts“ und: „Das war schon immer so“ sind zwei Floskeln, die der 29jährige überhaupt nicht mag. Auch das Amt des Bürgermeisters als puren Verwaltungsjob zu sehen, hält er für falsch. Ein Bürgermeister brauche ein politisches Programm, denn „der Bürgermeister ist Vertreter der Bürger“. Im Zweifelsfall auch gegen Hauptausschuss und Gemeindevertretung.

Ein Problem Trittaus sei, dass zwar sehr viel geplant, aber vieles kurz vor der Umsetzung wieder „abgeschossen“ werde. Als Beispiel nennt er die zuführenden Straßenstücke zum Schützenplatz, die entgegen der ursprünglichen Planung nicht zu einer durchgehenden Straße zusammengeführt werden können. „So etwas kenne ich von keiner anderen Gemeinde“, schimpft Geisler. Und fährt fort: „Wenn ich mir die Gemeindevertreter als Oberhäupter einer Familie vorstelle, dann müssen sie doch dafür sorgen, dass es der Familie gut geht. So eine Planung würde man doch zu Hause nie machen“.

 

Erst sollen sich die wohlfühlen, die schon da sind

„Wachstum wird gefördert und begrüßt, aber nicht, dass sich die Leute auch wohlfühlen“, sagt Geisler. Nach seinem Gefühl solle Trittau „wachsen, wachsen, wachsen“ – bis zur „Zehntausender Marke“, am besten bis zur Kleinstadt. Obwohl es das aufgrund seiner Lage inmitten von Naturschutzgebieten gar nicht könne.

Aber Wachstum allein garantiere noch kein schönes Leben, und damit ist Geisler bei seiner Lieblingsfrage: „Wo soll das eigentlich hinführen?“  Für seine Kandidatur beantwortet er die Frage typisch und als gelernter Prozessoptimierer: Erst einmal Bedarf und Bedürfnisse der Bürger feststellen. Einen „Step“ machen und dafür sorgen, dass sich die Einwohner, die schon in Trittau leben, auch wohlfühlen, bevor man an weiteres Wachstum denkt. Teure Container fürs  „Blaue Haus“, ein beheiztes Freibad, dessen hohe Kosten zwar beklagt, Alternativen wie beispielsweise eine Beheizung über Erdwärme aber überhaupt nicht bedacht werden, will er vermeiden. Kulturell müsse sehr viel mehr passieren, denn mehr Menschen brächten auch mehr und unterschiedlichere Interessensschwerpunkte, und statt Verkehrskreisel möchte er mehr Personal in der Verwaltung haben, denn auch hier könnte manches deutlich reibungsloser funktionieren.

Trittau müsse runter von seiner hohen Pro-Kopf Verschuldung. Sicherlich brächten eine verstärkte Ansiedlung von Industrie mehr Einnahmen durch die Gewerbesteuer. Aber vor Gedankenspielen über neuen Einnahmequellen stehe für ihn die Analyse, woher die Schulden stammen: „Erst die Planungsfehler eliminieren und dann neu planen“, ist in etwa sein Fazit.

 

Trittau optimiert

Ein „kleines“ überdachtes Hallenbad, eine schuldenfreie Gemeinde, ein sauberes Dorf mit mehr Mülleimern, schöne Kinderspielplätze und vor allem weniger Planungsfehler wünscht sich Julian Geisler für Trittau. Die Bürgermeisterwahl sieht er sportlich – halb verärgert aber auch ein bisschen zufrieden spricht er darüber, dass „sein“ Thema Schwimmbad plötzlich auch in den Agenden des einen oder anderen Mitbewerbers auftaucht. Manchmal kann schon viel bewirkt werden, wenn man Themen gesetzt hat. Sollte er die Wahl zum Bürgermeister gewinnen, müsste er seinen jetzigen Job bei Bruss kündigen; gibt es keinen Bürgermeister Geisler, werde er auf jeden Fall eine Initiative für sein Lieblingsprojekt – Schwimmbad – gründen. Die Kritik an seiner Kandidatur ärgert ihn vielleicht ein bisschen, hauptsächlich nimmt er aber auch die sportlich. Sein Motto: „ Wenn jemand Böses von dir sagt, so sei es ihm erlaubt. Du aber lebe so, dass keiner es ihm glaubt“.

SG
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Agentur für Bildbiographien, Susanne Gebert, 2014

Verein selbständiger Frauen Südholstein, sfs

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