Der sfs im Gespräch mit – Thomas Mertens Ammermann

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Trittau, im März 2014

 

Irgendwie ist ein Bürgermeister (oder eine Bürgermeisterin) einer, der zumindest in Kinderbüchern gleich nach dem König kommt – grauhaarig, gediegen, Goldkette um den Hals, (Stadt-) Schlüssel in den Händen. Ein kleiner Bauchansatz passt auch noch gut. Die Könige sind längst passé, aber beim Bürgermeisteramt haben viele von uns noch den festen Glauben, dass man damit fast alles tun und viel bewirken kann. Der sfs auch.

Thomas Mertens Ammermann
Thomas Mertens Ammermann

Als wir Thomas Mertens Ammermann zum Vorgespräch für unsere Podiumsdiskussion treffen, finden wir weder Bauchansatz noch Gediegenheit, sondern sitzen einem sympathischen, offenen, sehr strukturiert und kompetent argumentierenden 50 jährigen Fachanwalt für Verkehrsrecht gegenüber. Und in den nächsten zwei Stunden beraubt dieser freundliche Mann zumindest uns bei Kaffee und Plätzchen (von denen er keines isst – daher kein Bauchansatz!) einiger Vorurteile, die wir bislang von Bürgermeistern hatten….

Vom Aufhören und wieder Anfangen

Nachdem er 20 Jahre lang als Gemeindevertreter tätig war – lange Zeit als Parteimitglied der CDU, später, nach der bundespolitischen Entscheidung zur Vorratsdatenspeicherung, als Parteiloser – reifte sein Entschluss, 2013 sei das Jahr, in dem er mit der Politik „Schluss machen“ wolle.

Es war nicht nur die Gemeindevertretung, mit der Schluss sein sollte, sondern auch seine ehrenamtliche Tätigkeit als Bürgervorsteher der Gemeinde Trittau, sowie seine Mitgliedschaften im Amtsausschuss Trittau und im Schleswig-Holsteinischen Gemeindetag.

Ab sofort sollten nur noch Familie und Kanzlei zählen.

Diese Entscheidung hat Mertens Ammermann immerhin ein Dreivierteljahr durchgehalten; dann wurde er von seinen früheren Parteifreunden gefragt, ob er sich als parteiloser Kandidat für das Amt des Bürgermeisters in Trittau zur Verfügung stellen würde.

Eine schwierige Frage für jemanden, der gerade aufgehört hat – es bedurfte ein weiteres Vierteljahr zum Überlegen und das „Ok“ seiner Frau, dann war der Abschied aus der Politik revidiert: „Beruflich habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte“, sagt Mertens Ammermann , „und jetzt mit 50 ist eine gute Zeit, etwas Neues zu beginnen“. Denn – da habe seine Frau schon Recht – „Politik hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Und wer weiß, ob ich mir das in zehn Jahren noch zutraue“.

 

Kein Wahlprogramm

Wobei ein Bürgermeister nur sekundär und sehr indirekt etwas mit Politik zu tun habe, betont Mertens Ammermann. „Ich werde sehr häufig nach meinem Wahlprogramm gefragt – es gibt aber keines“.

Zwar werden Bürgermeister oft als Politiker und erster Mann oder erste Frau in ihrer Gemeinde wahrgenommen, tatsächlich ist ihr Job aber nicht „Politik machen“ sondern Verwalten. Als Verwaltungsleiter des Amtes müssen sie in erster Linie das umsetzen, was die Gemeindevertreter beschlossen haben, eigene politische Ideen, Konzepte oder Programme brauchen sie eigentlich nicht.

Aber natürlich hat er die. Neben einer effizienteren Verwaltung liegen ihm die Belegung offener Flächen und vor allem mehr Gewerbeansiedlungen in Trittau am Herzen: „Wenn man sich fragt – „Wovon lebt  eigentlich eine Gemeinde?“ – dann ist das der Anteil an Einkommensteuer und vor allem die Gewerbesteuer“, sagt Mertens-Ammermann. „Die Einkommenssteuer kann ich nicht unbegrenzt steigern, es sei denn, ich will, dass nur noch Millionäre nach Trittau ziehen. Und die Einnahmen aus der Gewerbesteuer schwanken je nach Konjunkturlage: Ist die Konjunktur gut, sind die Einnahme auch gut, ist sie schlecht, gehen die Einnahmen zurück. Diesen Effekt kann man abfedern, je mehr auch unterschiedliche Gewerbe in Trittau Steuern zahlen“.

 

Bürgermeister für alle

Es sei eine Besonderheit, dass ein Verwaltungsbeamter – und nichts anderes ist ein Bürgermeister rein rechtlich – politisch gewählt werde, so Mertens-Ammermann.  Und so richtig basisdemokratisch ist dieses Verfahren auch nicht: Die Wahlberechtigten wählen zwar ihren Bürgermeister oder ihre Bürgermeisterin, sein oder ihr eigentlicher „Boss“ sind aber nicht die Bürger, sondern die Gemeindevertreter, beziehungsweise der Hauptausschuss, der aus Gemeindevertretern gebildet wird. Es gibt zwar kein offizielles Bürgermeister-Wahlprogramm, aber durchaus eigene Ideen und Vorstellungen. Und was ist, wenn die mit den Beschlüssen der Gemeindevertretung kollidieren? Muss er dann trotzdem…?

„Hier ist die Welt mal wieder nicht schwarz und weiß, sondern grau“, schmunzelt der 50jährige, „denn natürlich habe ich Beziehungen zur Politik, kann Anträge in die Gemeinde einreichen und verfüge über gewisse Steuerungsmöglichkeiten“. „Dienst nach Vorschrift“ und „Dienst mit Einsatz“ sind zwei Stichworte; zudem sei es auch in Trittau schon vorgekommen, dass ein Beschluss der Gemeindevertretung rechtlich nicht einwandfrei war, der damals amtierende Bürgermeister dagegen Widerspruch eingelegt und das Vorhaben damit gestoppt habe.

 

Trittauer Modell

Ebenfalls weder schwarz noch weiß, sondern grau, ist eine weitere Besonderheit Trittaus, die unter dem Stichwort „Trittauer Modell“ landesweit bekannt ist: Der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin wird von den Wählern und Wählerinnen aus Trittau gewählt, ist als Verwaltungschef/in aber für das gesamte Amt Trittau zuständig. Bürger und Bürgerinnen aus Hamfelde oder Lütjensee können also der Wahl in Trittau zusehen und bekommen dann den Leiter der Verwaltung, den sich die Trittauer ausgesucht haben. Nicht wirklich basisdemokratisch, aber sehr effizient: Durch die gemeinsame Verwaltung von 9 + 1 Gemeinden können vor allem Kosten gespart und Wege verkürzt werden. „Und mal ganz ehrlich“, fragt Mertens-Ammermann, „wann brauchen Bürger ihre Verwaltung? In der Regel doch für Pass, Baugenehmigung und Abgabebescheide. Wirklich demokratisch ist das Modell nicht, aber wir sparen immerhin 50% der Personalkosten“.

 

Trittauer Ziele

Ein viel drängenderes Problem sieht er – und da ist er ganz Politiker – in der Wahlbeteiligung, die wie überall auch im Trittauer Amtsbereich in den vergangenen Jahren nicht umwerfend war. „Bei der letzten Bürgermeisterwahl hatten wir eine Wahlbeteiligung von etwa 60%, bei den Kommunalwahlen sogar nur 47%“, sagt Mertens-Ammermann. „Trittau hat 8200 Einwohner, davon sind 5000 wahlberechtigt. Wenn weniger als die Hälfte der Wahlberchtigten tatsächlich zur Wahl gehen, gibt es am Ende vielleicht nur 2200 gültige Stimmabgaben. Die Mehrheit davon sind 1101 Stimmen – das sind die, die über die Zukunft aller anderen mit entscheiden“.

Dabei sei Trittau eine der wenigen Gemeinden in Deutschland, die nicht vom demographischen Wandel betroffen ist, es gäbe also jede Menge Nachwuchs – auch für die Politik. „Ich treffe beim Schützenverein, bei der Feuerwehr oder beim TSV jede Menge engagierter„18+ Leute“, die ich aber nie auf Veranstaltungen sehe, auf denen es um die Zukunft ihrer Heimatgemeinde geht“, betont der 50jährige. „Aber DAS traue ich mich kaum öffentlich zu sagen“. Ungewöhnlich für einen Mann, der sonst kein Blatt vor dem Mund zu nehmen scheint.

 

„Bullshit-Bingo“

Sympathisch und kompetent wirkt er, wortgewandt und durchdacht. Thomas Mertens Ammermann sagt das, was er denkt; Worthülsen und Floskeln à la „Win-Win-Situation“ sind ihm ein Gräuel. Auf Fachkongressen vertreibt er sich gemeinsam mit Anwaltskollegen gerne die Zeit mit „Bullshit-Bingo“: Vor Beginn werden ein paar besonders berühmt-berüchtigten Floskeln aufgeschrieben, und jedes Mal abgestrichen, sobald sie im Vortrag fallen. Wird die Hülse dann zum zehnten Mal verwendet, muss der Kollege, der sie entdeckt hat, aufstehen und laut „Bullshit“ rufen. Nichts für schwache Nerven, aber effektiv und für den einen oder anderen Referenten eine Erinnerung daran, dass es nichts bringt, viel zu reden, ohne etwas zu sagen.

 

Von daher haben wir tiefstes Verständnis, als wir nach zweistündigem Gespräch auf unsere Frage, wie Trittau nach sechs Jahren mit Bürgermeister Thomas Mertens-Ammermann aussehen würde, ein breit grinsendes aber knappes „besser“ zur Antwort bekommen. Und dann nimmt er doch noch einen Keks.

SG

 

 

Copyright:

Agentur für Bildbiographien, Susanne Gebert, 2014

Verein selbständiger Frauen Südholstein, sfs

Gerne nehmen wir Ihren Fragen Herrn Ammermann auf.
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Weiterführende Artikel:

http://www.abendblatt.de/region/stormarn/article124829200/Trittaus-CDU-nominiert-den-ehemaligen-Buergervorsteher.html

http://www.abendblatt.de/region/stormarn/article511103/Buergervorsteher-verlaesst-CDU.html